Agrobusiness – Landwirtschaft zum Wohle weniger
Ein Kommentar aus Brasilien von Manuel Graf, über Agrobusiness und die Forderungen der ländlichen Sozialen Bewegungen
Oktober 2011 [PDF-Version]
Keine 500 Meter von meinem Zuhause entfernt schleppt sich etwa alle viertel
Stunde ein schwer
beladener Güterzug vorbei in Richtung des 50 Kilometer entfernten Porto de
Santos, dem größten
Hafen Lateinamerikas. Ein Spaziergang an der Bahnlinie entlang gibt Aufschluss
über deren Fracht:
hauptsächlich Maiskörner und Sojabohnen sind auf dem Boden verstreut. Von Santos
aus gehen
diese Erzeugnisse dann in alle Welt, wo sie in Futtertrögen oder als Ethanol
verarbeitet in Autotanks
landen. Heute bestehen 80% der brasilianischen Exporte aus landwirtschaftlichen
und industriellen
Rohstoffen, was gegenüber 1980 ein Rückschritt darstellt, als der Anteil der
Industrieprodukte am
Export bei 60% lag.
Dies ist eine der Folgen des Agrobusinesses, eines Landwirtschaftsmodells, das
die vollständige
Kontrolle der gesamten Produktionskette der Nahrungsmittel durch multinationale
Konzerne, das
Finanzkapital und Großgrundbesitzer zum Ziel hat. Deren Waffen sind
genmanipulierte Pflanzen,
Schädlingsbekämpfungsmittel, Kredite und Patente.
Genpflanzen und Monokulturen machen den exzessiven Gebrauch von
Schädlingsbekämpfungsmitteln
notwendig, was Umwelt und Menschen verseucht und die Bauern vollständig von
Konzernen
abhängig macht. Aufgrund von fortschreitender Landkonzentration werden
Kleinbauern von ihrem
Land vertrieben, Verstädterung, Landkonflikte und Ermordungen von Aktivisten
nehmen zu.
In Deutschland wollen die Menschen keine Genprodukte und auch keine
Nahrungsmittel mit hoher
Pestizidbelastung essen. Das ist gut. Doch deutsche Firmen verdienen Unsummen
mit dem Verkauf
von Genpflanzen und Schädlingsbekämpungsmitteln in ärmeren Ländern.
Unvorstellbare Mengen an
Giften werden verwendet, teilweise Gifte, die in Europa oder den USA längst
verboten sind (DDT
beispielsweise wurde in Brasilien erst 2009 verboten).
„Heute ist es praktisch unmöglich, Lebensmittel ohne
Schädlingsbekämpfungsmittel zu kaufen,
denn selbst die, die ohne produziert wurden, weisen Kontaminierung auf, die sich
in der
kompletten Ernährungskette, im Wasser und sogar in der Luft befindet.“
(Quelle:
http://www.mst.org.br/node/10606)
Und zudem vermischt sich die Pflanzenwelt mit gentechnisch manipulierten
Organismen. Im Jahr
2009 betrug der Anteil gentechnisch veränderter Sorten an der Sojaproduktion
bereits 70 Prozent -
Tendenz steigend. Was für Einflüsse haben GMOs und Pestizide auf die Umwelt?
Welchen Schaden
können sie anrichten? Die Antworten auf diese Fragen bleiben uns deren
Hersteller schuldig.
Die große Masse der Bevölkerung hat nicht die Wahl, ob sie gesunde,
gentechnikfreie Lebensmittel
kauft oder nicht. Denn erstens wird sie konsequent unter- und fehlinformiert und
zweitens können sie
sich biologische Lebensmittel nicht leisten. In den „sich entwickelnden“ Ländern
verbraucht die arme
Bevölkerung zwischen 60% und 80% ihres Einkommens allein für den Kauf von
Lebensmitteln. Im
Supermarkt sind diese Menschen also gezwungen, stets zum Billigsten zu greifen.
Die sozialen Bewegungen, wie die MST (Landlosenbewegung) oder dia Via Campesina,
kämpfen für
ein anderes Agrarwirtschaftsmodell, das eine gerechte Landverteilung zum Ziel
hat. In den letzten
Wochen organisierten sie Demonstrationen, Besetzungen und Veranstaltungen, um
den wahren
Charakter des Agrobusinesses in die Öffentlichkeit zu rücken, der von Politik
und Medien stets
veleugnet wird.
Unter anderem fordern die sozialen Bewegungen:
− die Enteignung der großen unbewirtschafteten Anbauflächen um auf ihnen
landlose Familien
anzusiedeln
− das Verbot von Schädlingsbekämpfungsmitteln
− ein neues Kreditsystem, das, anstatt großer Monokulturen, Kleinbauern
unterstützt
− die Rücknahme des Código Florestal (Waldgesetz), das weitere Abholzung des
Regenwaldes
zur Folge haben wird
− die Enteignung der Fazendas auf denen Arbeiter unter sklaveähnlichen
Bedingungen arbeiten
− die Anerkennung und Respektierung der Indigenengebiete
− eine umfassende Agrarreform
(Quelle: „Jornada de Lutas da Via Campesina“,
http://www.mst.org.br/node/12298)
Wie alles im Kapitalismus orientiert sich die kapitalistische Landwirtschaft in
keinster Weise am Wohle
des Volkes, sondern allein am Profit weniger. Am Profit multinationaler Konzerne
und einer kleinen
brasilianischen Oberschicht, die die grosse Masse der Bevölkerung, die Umwelt
und nachkommende
Generationen den Preis dafür bezahlen lassen. Voll beladene Güterzüge fahren an
schlecht
ernährten oder gar hungernden Menschen vorbei - denn ihre Fracht wird auf der
Suche nach den
grössten Gewinnen aus dem Land gebracht. Jean Ziegler, ehemaliger
Sonderberichterstatter der UN
für das Recht auf Nahrung sagt: „ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird
ermordet.“ Ermordet vom
Kapitalismus, einer Wirtschaftsordnung, die unglaubliche Reichtümer in den
Händen einer kleinen
Bourgeoisie konzentriert, das Volk aber vor den Mauern der Stadtzentren und auf
dem Lande vor sich
hin vegetieren lässt.
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O POVO UNIDO JAMAIS SERÁ VENCIDO!
Até sempre,
Manuel