Agrarreform
als Sozialpolitik
Kommentar von
Benjamin Bunk
Lula ist 2002 mit dem Versprechen angetreten,
die Agrarreform in Brasilien umzusetzen. Ein Präsident, der mit der Movimento dos Sem Terra (MST) verhandelt und deren Mütze öffentlich trägt: Das schürt
Erwartungen!
Gleich zu Beginn der Amtszeit wurde ein
nationaler „Plan zur Umsetzung der Agrarreform“ verabschiedet mit der konkreten
Vorgabe, 540 000 Familien neu anzusiedelnden und einen Großteil der nicht
geregelten Besitzrechte von Ribeirinhos (Flussanrainern) und Quilombolas (BewohnerInnen der quilombos, der ehemaligen Siedlungen entlaufener SklavInnen) zu legalisieren.
Doch diese Vereinbarung wurde nur zu einem Drittel erfüllt und nach deren
Auslaufen 2007 nicht weiter verlängert. Auch das Vorgehen gegen „sklavereiähnliche Arbeitsbedingungen“ wurde verschärft und
intensiviert sowie der Versuch gestartet, über Bundesbehörden Einfluss auf die
faktische Straflosigkeit in einigen Bundesländern auszuüben. Auch diese
Maßnahmen waren nur bedingt erfolgreich, wie die aktuellen Zahlen der Kommission
der Landpastoral (CPT) zu Landkonflikten zeigen.
Mit diesen und anderen Maßnahmen sollten die
Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Ringen um die Landfrage politisch
garantiert und eine demokratische Auseinandersetzung dieses spannungsgeladenen
Themas ermöglicht werden.
Doch auch die Regierung Lula selbst war Teil
dieses politischen Spiels. Lula war von Beginn an auf Koalitionen und
wechselnde Mehrheiten angewiesen und durch den brasilianischen Föderalismus
beschränkt. Auch Judikative und Legislative wurden durch die Agrarlobby eifrig
genutzt. Die letzte parlamentarische Untersuchungskommission gegen die MST war
eine Reaktion auf Lulas Ankündigung, den
Produktivitätsindex für die landwirtschaftlich nutzbare Fläche seit den 70er
Jahren zu aktualisieren – die Voraussetzung für eine grundgesetzkonforme,
flächendeckende Agrarreform und Enteignung von Flächen „ohne sozialen Nutzen“.
Bei einer Bewertung der Regierungszeit Lulas sollte man aber nicht vergessen, dass die
Agrarpolitik Lulas grundsätzlich auf eine
Modernisierung und den Ausbau der großflächigen, exportorientierten
Landwirtschaft angelegt war. Dieses Ziel wurde erreicht und wird sich unter Dilma nicht ändern. So ist Brasilien inzwischen weltweit
führender Exporteur von Soja. Auch die Zuckerrohr-Ethanol-Produktion und
Eukalyptus-Zellulose-Produktion hat enormen Zuwachs. Land ist teuer und knapp
geworden, mit der Konsequenz, dass andere Agrarprodukte immer rasanter in den Cerrado und das
Amazonasgebiet eindringen.
Weltweit führend ist Brasilien auch weiterhin
in der Ungleichverteilung von Land. Einige fatale Folgen dieser Politik sind
jedoch nur im Zusammenhang mit globalen Entwicklungen wie dem Ausbau der
Gentechnik, dem Biomasseboom und der zunehmenden Monopolisierung im Agrarwelthandel
zu bewerten.
Anhand der Widersprüchlichkeit der
Agrarpolitik Lulas wird eines deutlich: Die
Agrarreform ist keine Strukturpolitik im Sinne einer alternativen ländlichen
Entwicklung oder eines anderen brasilianischen Entwicklungskonzeptes. Lulas Politik ist die Fortführung liberaler Modernisierung
auf dem Land - mit sozialem Anstrich.
Die Maßnahmen Lulas
lassen sich einerseits mit dem äußerst erfolgreichen parteipolitischen Kalkül
erklären, in einem solch heterogenen Land wie Brasilien alle auch noch so
widersprüchlichen gesellschaftlichen Interessen in kleinen Teilen zu bedienen
und somit an der Regierung zu bleiben. Vor allem aber ist die Agrarreform unter
Lula zu einem Bestandteil seiner assistentialistischen
Sozialpolitik verkommen: Die Landlosenbewegung wird
genau in den Bereichen und in dem Umfang unterstützt, wie sie ihre soziale
Funktion für die Mitglieder der Bewegung erfüllt, den Staat aus seiner sozialen
Verantwortung entlastet und spezifische gesellschaftliche Konflikte lindert. So
wurden alle im Zuge der Agrarreform enteigneten Großgrundbesitzer für ihre
Verluste großzügig entschädigt. Zugleich wurden aber die erfolgreichen (und
kostengünstigen) Schulen der MST
weiter gefördert. Auch wurde die Abnahme von Lebensmitteln der kleinbäuerlichen
Landwirtschaft so weit garantiert, wie sie Arbeitsplätze erhält und verhindert,
dass diese Bauern plötzlich vom Anbieter zum Empfänger der Nahrungsmittelkörbe
werden. Die großen neuen Siedlungen der Landlosenbewegung
im Nordosten und Amazonasgebiet sind ebenfalls gezielte Maßnahmen, um die
kompetenten Sozial- und Gemeindearbeiter der MST zu nutzen, um die ausufernden Slumgebiete
der dortigen Städte zu entlasten.
Allerdings: Wenn auch die Landlosenbewegung
stärkste zivilgesellschaftliche Kraft in Brasilien ist, so steht sie doch auch
vor dem Problem nur 15 Prozent der Landbevölkerung mit ihren Themen
anzusprechen. Und auch wenn noch 200 000 Familien in Zeltlagern dringenden
Handlungsbedarf signalisieren, so ist der Druck nicht derselbe wie früher. Für
die MST wird es immer schwieriger,
Leute für Besetzungen zu gewinnen, demgegenüber steht inzwischen aber eine
junge Generation an Landlosen aus den eigenen Siedlungen bereit. Doch längst
nicht alle jugendlichen MSTleInnenr sind für das Leben auf dem Land zu
begeistern. Die Verlockungen einer idealisierten Moderne und persönlichen
Erfolgs in den Städten ist groß.
Die MST
bleibt in Bewegung: Sie setzt mit ihrem aktuellen Projekt einer Agrarreform auf
ökologisch produzierte Nahrungsmittel (auch im Hinblick auf eine wachsende
Mittelschicht) und eine dezentrale Strukturpolitik auf dem Land. Von einem
gesellschaftlichen Umbruch kann aber unter dieser Regierung, vor allem aber mit
den momentan in der Gesellschaft vorherrschenden Interessen und dem Mangel an
politischem Bewusstsein nicht die Rede sein.
Der Autor ist Mitglied
der FreundInnen und Freunde der brasilianischen Landlosenbewegung MST, Deutschland, e.V. und des Eine Welt
Netzwerkes Thüringen e.V.. Er promoviert an der
Universität Jena zur Bildungstheorie der Landlosenbewegung
und des Weltsozialforums.