Wir
müssen die Städte überzeugen
Interview mit Maria Salete Campigotto von der
brasilianischen Landlosenbewegung
(Erschienen
in ILA, 339, Oktober 2010)
Seit der ersten
Landbesetzung auf der Fazenda Anoni ist Salete in der Landlosenbewegung als
Lehrerin aktiv. Sie war lange in der Landeskoordination von Rio Grande do Sul
tätig und leitet heute eine ihrer Berufsschulen. Im September war sie zu Besuch
in Deutschland anlässlich der 30jährigen Feierlichkeiten des Right Livelyhood Awards (Alternativer
Nobelpreis) in Bonn. Im Gespräch schildert sie ihre persönliche Sicht auf 26
Jahre Landlosenbewegung, analysiert die
Regierungszeit Lulas hinsichtlich der Agrarreform und
gibt Einblick in die aktuellen Ideen und Debatten in der Landlosenbewegung.
Wie würdest du den
Weg der MST - als Bewegung – in den letzten 26 Jahren bewerten?
Ich
persönlich habe in der Bewegung weit mehr gelernt, als jemals an einer
Universität. In der Bewegung habe ich tatsächlich erfahren, was Solidarität
bedeutet. Ich habe gelernt, was es heißt, für einander da zu sein, Erfahrungen
auszutauschen und sich zu bilden. Für mich hat sich dadurch erst die Welt
erschlossen. Meine Sicht auf die Dinge zuvor war sehr beschränkt, doch heute
haben wir uns gemeinsam die Geschichte der lateinamerikanischen Völker
angeeignet und uns eine eigene Sicht auf die Welt erarbeitet.
Diesen
Aspekt möchte ich besonders betonen: Für alle von uns war und ist es von
extremer Bedeutung, an dieser Bewegung teilzuhaben, da wir durch sie unser
Subjektsein, unser Selbstbewusstsein und unsere Würde wiedergewonnen haben.
Wir
zählen heute über 1,14 Millionen Mitglieder, 2 000 Siedlungen, 1 800 Schulen,
160 Agrargenossenschaften und 140 meist nach ökologischen Prinzipien
organisierte landwirtschaftliche Betriebe. Wir produzieren wirtschaftlich,
pflanzen gesunde Nahrungsmittel an und schaffen Arbeitsplätze. Und der Ruf nach
mehr Land für Landlose ist angesichts weiterer 200 000 Familien in Zeltlagern
in 24 Bundesstaaten nach wie vor laut.
Das
Besondere dieser Bewegung ist, dass sie diese Differenzen und die Vielfalt an
Lebensentwürfen in den verschiedensten Regionen Brasilien respektiert und
zugleich zu einem erweiterten Horizont vereint. Wir haben eine gemeinsame
Grundlage: der Kampf für eine Agrarreform und die Entschlossenheit, keinen
Schritt vor dem Großgrundbesitz zurückweichen. Die Solidarität und
Unterstützung über Bundesgrenzen hinweg ist gewachsen, und unsere Symbole einen
uns in ganz Brasilien.
Welches sind denn die
aktuellen Herausforderungen auf dem Land und speziell für die Agrarreform?
Der
Weg, den wir bisher beschritten haben, hat uns zwar geholfen Land zu erobern,
aber er hat uns der Agrarreform nicht nähergebracht. Heute leben nur noch 15
Prozent der BrasilianerInnen auf dem Land. Vor 70
Jahren waren es noch 80 Prozent. Aufgrund dessen werden zum einen die sozialen
und ökologischen Probleme der Städte immer größer, zum anderen wird es auf dem
Land angesichts der ausblutenden Gemeinden und schwindenden lokalen Märkte
immer schwieriger. Ein anderes Produktionsmodell und eine andere Idee von
Fortschritt muss daher ein „Kampf aller sein“ – wir müssen die Städte
überzeugen! Und wir müssen die Jugend für das politische Engagement und unseren
Kampf gewinnen – in den nächsten 26 Jahren wird die Entwicklung in ihren Händen
liegen.
Wir
sind uns auch des Fortschritts bewusst, den wir bei der Bildung erreicht haben:
Das Wissen war in Brasilien immer in der Hand weniger, die Armen wurden nur im
Nötigsten unterwiesen. Bildung wurde immer nur als Mittel zum Zweck des
Kapitals, der Industrie, gedacht – nie als Recht des Menschen. Genauso wenig
wie ländliche Entwicklung nie als Bildung der dort lebenden Menschen und deren
Kultur gedacht wurde. Aber das Wissen muss sozialisiert werden, es ist nie zu
den Armen gekommen. Der Kampf für eine Demokratisierung der Bildung ist eine
unserer großen Aufgaben.
Währenddessen
treiben Agrarlobby und Agrarpolitik den Ausbau der industriellen Landwirtschaft
weiter voran. Monokulturen von Eukalyptus, Zuckerrohr und Soja zerstören die Biodiversität und entziehen den angrenzenden Bauern die
Lebensgrundlage. Nachhaltigkeit ist eine Herausforderung für die Agrarreform –
besonders im Hinblick auf künftige Generationen. Wir müssen uns ernsthaft
Gedanken über unsere Produktionsweise und unsere Verantwortung für das Leben
machen!
Noch
glauben die Menschen an die durch die Medien propagierten
Modernisierungsutopien. Aber es ist eine himmelschreiende Schande: Als
Brasilianer treten wir heute das Erbe des höchsten Pestizidverbrauchs
weltweit an. Jede Ernte ist mit sechs Litern/pro Einwohner mit Pestiziden und
chemischen Stoffen belastet. Wir verpesten das Grundwasser und unsere
tagtäglichen Lebensmittel. Wollen wir das?
Wie bewertest du die
Regierung Lula nach acht Jahren – allgemein und speziell in Hinsicht auf die
Agrarreform?
Als
Lula 2002 Präsident wurde, wussten wir, dass es nicht einfach wird. Aber
natürlich waren wir voller Hoffnung. Aber es ist nicht eine bestimmte Regierung
oder eine Person, die Veränderung mit sich bringt. In einer Gesellschaft gibt
es unterschiedliche Kräfte und Interessen, die zum Ausdruck kommen und
miteinander ringen – so auch in Brasilien bei der Agrarfrage.
Die
Agrarlobby pflegt beispielsweise sehr gute Kontakte zur Legislative und
Judikative. Während Lulas Amtszeit haben wir daher
drei parlamentarische Untersuchungskommissionen (CPI) gegen uns gehabt! Die
letzte CPI war eine Konsequenz aus der Androhung Lulas,
den Produktivitätsindex der landwirtschaftlichen Flächen neu zu bestimmen. Er
hat viel Gegenwind bekommen und ist damit gescheitert. Immerhin wurde vor zwei
Monaten ein Dekret erlassen, welches den Kauf von Land durch transnationale
Firmen beschränkt.
Andere
Maßnahmen waren erfolgreicher. Besonders wichtig war die Einführung einer Quote
bei der staatlichen Schulspeisung, die einen Anteil von 30 Prozent aus der
kleinbäuerlichen Landwirtschaft festlegt. Ähnliches gilt für die staatlichen
Nahrungsmittelkörbe. Diese Maßnahmen garantieren die Abnahme unserer Produkte,
zumindest in der Nähe von Dörfern und Städten. Wir können nun eine größere
Vielfalt an Lebensmitteln für den Markt anpflanzen, statt selbst immer mehr auf
Monokulturen auf kleinen Ländereien setzen zu müssen. Dies mildert die harten
Bedingungen auf dem Land.
Die
Regierung Lula ist von enormen Widersprüchlichkeiten geprägt. Aber die
vorangehenden Regierungen waren noch viel schlimmer. Früher war Brasilien im
Ausland nur durch Fußball und Karneval bekannt. Lula hat es geschafft,
außenpolitische Anerkennung für Brasilien zu erreichen und die Auslandsschulden
zu tilgen. Er hat das Problem des Hungers gelöst – das ist toll - aber nicht
das Problem der Armut.
Was
die Erziehung und Bildung anbelangt, so gab es 2002 nur drei Prozent der
brasilianischen Bevölkerung, die es an die Universität schafften. Heute sind es
zehn Prozent. Die Universitäten des Bundes waren sehr heruntergekommen. Er hat
sie saniert und 13 neue gegründet. Dafür ist die Rate der funktionalen
Analphabeten gestiegen. Das wiederum weist auf einen Widerspruch in der
Bildungspolitik hin, den es zu lösen gilt.
Es
fällt schwer die Regierung Lula als „besser“ zu bezeichnen – dazu war die
Politik zu widersprüchlich. Es gab Maßnahmen, die uns halfen, sowie es auch
Maßnahmen zur Unterstützung der Agrarlobby gab; seien es die Subventionen,
Kreditmöglichkeiten oder Infrastrukturprojekte. Allerdings muss man auch
anerkennen, dass Lulas Regierung eine
Regierungskoalition war und nur bedingt Einfluss auf die Bundesländer ausüben
konnte.
Bei der letzten Wahl
hat die MST erst zur Stichwahl zum Boykott von Alckmin
und zur Unterstützung Lulas aufgerufen. Vor einigen
Tagen hat MST-Führer Stédile nun dazu aufgerufen
„Serra zu schlagen“! Wie lässt sich die die Haltung der MST vor den Wahlen
erklären?
Niemand,
nicht einmal die Eliten, wünscht sich die Rückkehr des Neoliberalismus. Wir
glauben, dass wir in eine neue Phase der Debatten und des politischen
Bewusstseins eintreten. Unter Dilma haben wir einen
größeren Freiraum, uns für unsere Anliegen in der Gesellschaft stark zu machen.
Serra dagegen hat bereits klargestellt, dass er weder mit Cuba noch mit
Venezuela, Bolivien oder Paraguay oder gar der Landlosenbewegung
zusammenarbeiten wird. Einen solchen antidemokratischen Imperialismus einer
Person wollen wir natürlich nicht unterstützen.
Wir
wählen heute niemanden, der Wunder bewerkstelligen und uns die dringend
notwendigen Veränderungen als Geschenk machen wird. Aber wir brauchen Raum, um
weiter für unsere Sache kämpfen zu können. In einer Koalitionsregierung wird
dieser Kampf weiterhin erforderlich sein. Aber auch außerhalb des politischen
Systems artikulieren sich die Interessen der Zivilgesellschaft. Je nachdem wird
es mehr oder weniger Konflikte geben.
Obama hat Lula einmal
den beliebtesten Präsidenten genannt; beeindruckende 85 Prozent der BrasilianerInnen schätzen ihn als „gut bis perfekt“. In
Brasilien wächst die Mittelschicht überproportional, doch der Unterschied
zwischen Arm und Reich nimmt weiter zu. 37 Prozent der Landbevölkerung ist
weiterhin nur in Besitz von ein Prozent der Fläche, der Rest gehört dem
Großgrundbesitz. Haben Lulas politisch erfolgreiche
Strategie, möglichst alle Interessen dieser heterogenen Gesellschaft zu
berücksichtigen, sowie die sich nur zum Teil wandelnde Gesellschaftsstruktur
eure Bewegung dazu veranlasst, ihr Modell der Agrarreform zu überdenken?
Tatsächlich
haben wir darüber schon diskutiert und eine Neubewertung vorgenommen. Wir
müssen an einer „Agrarreform für Alle“ arbeiten. Es gibt verschiedene Konzepte
ländlicher Entwicklung und diese werden darin vereint. Bei uns heißt es
Agrarreform, der Kleinbauernverband nennt es „Lebensfähiges Land“ und die
Bewegung gegen Staudammprojekte (MAB) fordert einen Energiemix. Die
„Agrarreform für Alle“ will unterschiedliche Lebensformen, sei es der Fischer
oder der Ribeirinhos,
fördern. Es gilt nicht, diese unterschiedlichen Lebensentwürfe einfach zu
bewahren, aber statt sie zu vernichten sollte diese Vielfalt weiterentwickelt
und als Alternativen zur Stadt gefördert werden.
Wir
arbeiten bereits an einer Alternative. Die Bewegung sollte von allen
politischen Institutionen respektiert werden, erfüllt sie doch eine wichtige
soziale Funktion, indem sie Arbeit schafft, Sozialarbeit leistet und ausbildet
- eigentlich Aufgaben des Staates. Die Bewegung geht auf die Leute zu, nimmt
sie auf, damit sie zu Subjekten und befähigt werden, in Würde ihr eigenes Leben
auf dem Lande zu gestalten.
Das Gespräch führte
Benjamin Bunk am 22.09.2010 in Jena