Der florierende Handel mit
Emissionszertifikaten soll dem Klimaschutz dienen, braucht aber Land, sehr viel
Land. Denn es entsteht ein neues Segment des marktbasierten Klimaschutzes: der
Erhalt von Böden, Wiesen und Wäldern als Kohlenstoffsenken. Regierungen,
Unternehmen und Privatpersonen investieren in, so die Annahme,
emissionsmindernde Projekte (etwa Waldschutz, Aufforstung, Bioenergie,
bodenschonenden Ackerbau) und erhalten dafür ein Zertifikat. Während dies
Privatpersonen ein gutes Gewissen verschafft, dient es Unternehmen zur
Imagepflege oder zur Anrechnung auf ihre verpflichtenden Emissionsminderungen in
regulierten Kohlenstoffmärkten.
Auf den Kohlenstoffmärkten in den USA und Kanada sind viele Senkenprojekte
bereits zugelassen. Großbauern, die im „pfluglosen“ Ackerbau genmanipulierte
Monsanto-Soja produzieren, ernten zusätzlich Emissionsgutschriften, da diese
Methode vermeintlich Kohlenstoff im Boden belässt. Die Gutschriften können die
Bauern auf dem Markt verkaufen, etwa an Banken, die Kohlenstofffonds auflegen,
oder an Händler der Chicagoer Kohlenstoffbörse CCX. Ähnliche Möglichkeiten
entstehen nun für monokulturelle Agroenergieplantagen, für Aufforstungen mit
Pinien oder Eukalyptus, für die Verwandlung von Wäldern in abgeriegelte
Schutzgebiete oder für Gülle-Biogasanlagen der Futtermittel verschlingenden
Tierfabriken.
Viele Senkenprojekte
entstehen unter dem Clean Development-Mechanismus (CDM) des Kyoto-Protokolls.
Dieser ermöglicht es Industrieländern, einen Teil ihrer
CO2-Reduktionsverpflichtungen durch Klimaschutzinvestitionen in
Entwicklungsländern zu erbringen. Das Spektrum zulässiger CDM-Projekte soll
künftig noch wachsen, etwa im Waldschutz oder in der Landwirtschaft. So gibt es
bereits eine Einigung, dass die „Reduzierung der Emissionen aus Entwaldung und
Degradierung“ (REDD) in einem Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls enthalten
sein soll. Daneben mobilisieren Entwicklungsagenturen und Agrarkonzerne, um auch
Landwirtschaft als eigenständige Säule zu verankern und die CDM-Kriterien zu
lockern. Ihr Ziel: Emissionsgutschriften sollen höhere Investitionen in die
Landwirtschaft des Südens locken.
Dies verweist auf das entscheidende Dilemma: Mittel für Waldschutz und
nachhaltige Landwirtschaft sind dringend erforderlich. Die Frage ist aber, ob
Senkenprojekte nicht eher das Agrobusiness fördern, eine Anlagesphäre für das
Finanzkapital schaffen und damit die weltweite Jagd nach knappem Land befeuern.
Denn der Wert von Feldern, Wiesen und Wäldern steigt durch das zufließende
Kapital. Großgrundbesitzer können eine noch höhere Bodenrente einstreichen, da
sie nun auch zu Klima-Rentiers werden. Der marktbasierte Klimaschutz nährt so
nicht nur die Finanz-, sondern auch die Bodenspekulation. Dies aber verstärkt
den Verdrängungsdruck auf die ärmsten Wald- und Landnutzer im Süden: Indigene,
Kleinbauern und Hirten.
Mit dieser Veranstaltung möchte das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) die Folgen des Emissionshandels am Beispiel von Wäldern und Landwirtschaft diskutieren. Der aktuelle Hintergrund sind zum einen die enorme Zunahme von Landgeschäften und Flächennutzungskonflikten in Entwicklungsländern, zum anderen die anstehenden Verhandlungen für ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls im Dezember 2009 in Kopenhagen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Fallbeispiel Brasilien: In den letzten Jahren hat sich die „Grüne Wüste“ in Brasilien immer stärker ausgebreitet. Auch für die Produktion von Agrotreibstoffen ist die Gewinnung von Zellulose aus Eukalyptusplantagen interessant. Land- und auch Wasserkonflikte gehen oft mit den Baumplantagen einher. Die Landlosenbewegung MST hat daher eine Kampagne gegen die zunehmende Ausweitung des Zelluloseanbaus gestartet.