
Zum Hintergrund:
Stahlwerkkomplex von Thyssen-Krupp verseucht brasilianische Bucht +++
verstößt gegen Umweltauflagen +++ vertreibt lokale Fischer +++ und sieht keinen
weiteren Handlungsbedarf, wenn der Sicherheitschef des Unternehmens
Morddrohungen gegen Fischer ausspricht...
Seit September 2006 baut Thyssen-Krupp zusammen mit der Companhia Vale do Rio
Doce (CVRD) an dem Stahlwerkkomplex Companhia Siderúrgica do Atlântico (CSA) in
der Bucht von Sepetiba im Bundesstaat Rio de Janeiro. Von der größten deutschen
Auslandsinvestition in Brasilien der letzten Jahre ist in den Medien die Rede.
Jüngsten Angaben zufolge investiert Thyssen-Krupp in das Stahlwerk 4,5
Milliarden Euro.
Der Bau des Stahlwerks ist Teil einer breiten Strategie der Konsolidierung einer
kontinentalen Infrastruktur, in die auch das Projekt "Programm zur
Beschleunigung des Wachstums" (Programa de Aceleração do Crescimento – PAC) und
die südamerikanische Infrastruktur-Inititative IIRSA eingebunden sind. Der
Stahlwerkkomplex CSA wurde in Brasilien auch mit öffentlichen Geldern, aus dem
Fonds der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES, in Höhe von 1,48 Milliarden
Reais öffentlicher Kredite mitfinanziert und genießt großzügige
Steuerbefreiungen - allein in 2006 waren es 250 Millionen Reais. Die vorgesehene
Produktion ist vollständig auf den Export nach Deutschland (zwei Millionen
Tonnen Stahl/jährlich) und in die USA (drei Millionen Tonnen Stahl/jährlich)
ausgerichtet.
Jedoch...
Bereits seit 2007 klagen lokale Fischer, Bügerinitiativen und
Menschenrechtsgruppen aus dem Bundesstaat Rio de Janeiro gegen den Stahlkonzern.
In der westlichen Region von Rio leben ca. 8.000 Familien, die vom Fischfang
lebten und durch die Errichtung des Stahlwerks und der Häfen direkt betroffen
sind.
Die Vorwürfe gegen CSA im Einzelnen:
UMWELT: Die Baustelle befindet sich in einem durch brasilianische Bundesgesetze
ausgewiesenem Naturschutzgebiet. Trotz fehlender Umweltgenehmigung durch die
Umweltbehörde IBAMA, trotz mehrfach gesetzlich angeordneten Baustopps gehen die
Bauarbeiten weiter - und die unzähligen Unregelmäßigkeiten ebenso wie die
Zerstörung von Flora und Fauna werden fortgesetzt.
Zudem kritisiert die dem brasilianischen Gesundheitsministerium unterstellte
Stiftung Fundação Oswaldo Cruz in ihrer Fallstudie vom Juli 2009, dass die von
CSA in Auftrag gegebene Umweltfolgenstudie beschränkt ist und die Bevölkerung
nicht angemessen informiert wird über die Auswirkungen, die das Stahlwerk für
Gesundheit und Lebensqualität haben wird. Des weiteren vernachlässige die
Umweltfolgenstudie unzulässigerweise die Fragen, wie die sich in Wasser, Boden
und Luft ausbreitende Toxizität angemessen und konkret behandelt werden soll.
In Bezug auf die bereits in der Bucht vorhandene Kontamination mit
Schwermetallen, die einem Vorgängerunternehmen zuzuschreiben ist, versprach CSA
die Anwendung modernster Technik und Standards zur Abscheidung durch Drainage -
jedoch: das Wasser der Bucht ist verseucht, so dass Fischfang kaum mehr möglich
ist: Fischsterben ebenso wie Mißbildungen bei neugeborenen Fischen häufen sich
massiv.
LOKALE BEVÖLKERUNG: Durch das Bauvorhaben der CSA sind 8.075 Familien der
Fischer der Region bedroht. Durch die Bauarbeiten und die beim Ausbaggern
entstandene Verschmutzung der Meeresbucht wurden die Fischgründe zerstört. Der
Hafenausbau führte zu einer massiven Ausdehnung der Gebiete, in denen der
Fischfang verboten ist - und trifft somit die ärmsten der Fischer äußerst hart.
Des Weiteren bringt der Stahlwerkkomplex schwerwiegende Gesundheitsrisiken mit
sich: steigende Verschmutzung sowie giftige Chemikalien bewirken
Atemwegserkrankungen und erhöhen das Risiko von verschiedenen Krebsformen.
Da viele Familen in der Region vom Tourismus leben, wird nun auch diesen
Familien ihre materielle Lebensgrundlage entzogen.
ÖFFENTLICHE FINANZMITTEL: Das Stahlwerk wird auch mit öffentlichen Mitteln der
brasilianischen Entwicklungsbank BNDES finanziert, die bisher bereits 1,48
Milliarden Reais (ca. 560 Mio €) in das Vorhaben investiert hat, ohne dass deren
Finanzierungs-, soziale und Umweltkriterien, die zur Vergabe dieser Kreditlinien
führten, der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden wären.
MILIZEN: Die Region, in der das Unternehmen baut, ist bekannt als Gebiet, in dem
eine der gefährlichsten Milizen Rio de Janeiros agiert. Verschwundene und Morde
sind dort alltäglich. In einem solchen Umfeld verschiedenster krimineller
Interessen und Machträume ist die Artikulation von Widerstand derjenigen, die
gegen den Bau des Stahlwerkes protestieren, schwierig. Am 19. März dieses Jahres
beraumte deshalb die Menschenrechtskommission des Parlaments von Rio de Janeiro,
ALERJ, eine öffentliche Anhörung an, um den Vorwürfen einer Verbindung zwischen
den Sicherheitskräften des Unternehmens und den Milizen nachzugehen. Diese
Sicherheitskräfte bedrohten und verfolgten Arbeiter und Fischer, die gegen das
Bauvorhaben protestierten.
Auf der Anhörung in der ALERJ wurde mittels Photos belegt, dass der Transport
der Arbeiter des Werks von stadtbekannten Milizionären durchgeführt wird. Im
Rahmen der Anhörung wurde außerdem aufgezeigt, dass der Chef der
Sicherheitsfirma des Unternehmens selbst Drohungen gegen die Fischer
ausgesprochen hat und der Miliz der Region angehört. In der Anhörung zeigten
sich der Vertreter der CSA ebenso wie der anwesende Vertreter der deutschen
Botschaft bestürzt. CSA suspendierte daraufhin den Sicherheitschef für die Dauer
von 30 Tagen und versprach den Vorwürfen nachzugehen. Ergebnis: nach 30 Tagen
wurde die Suspendierung aufgehoben, weil sich - so CSA - keine diesbezüglichen
Hinweise fanden, und der Sicherheitschef bestritt, Milizionär zu sein und die
Morddrohung ausgesprochen zu haben. Somit stand für CSA Aussage gegen Aussage. -
Doch während der Sicherheitschef weiter im Dienste ist, mußte der betroffene
Fischer ins Menschenrechtsschutzprogramm aufgenommen werden, um sein Leben zu
schützen. Zur Zeit wird eine Anklage seitens der Staatsanwaltschaft geprüft.
ARBEIT: Um Kosten zu senken, hat CSA (Im-)migranten beschäftigt, vor allem aus
China und Nordostbrasilien. Das Versprechen, viele Arbeitsplätze für die lokale
Bevölkerung zu schaffen, wurde nie eingehalten. Die Medien feiern
propagandistisch den 30.000 unterschriebenen Arbeitsvertrag, vergessen dabei
gleichwohl die 'Qualität' der geschaffenen Arbeitsplätze zu erwähnen. Ebenso
findet die Tatsache keine Erwähnung, dass die Arbeiter systematisch in kurzen
Zyklen ausgetauscht werden, um die aus der brasilianischen Arbeitsgesetzgebung
erwachsende Pflicht zur Festanstellung zu umgehen. Im letzten Jahr wurden auf
der Baustelle 120 chinesische Arbeiter ohne irgendeinen Arbeitsvertrag
angetroffen. Diese Arbeiter sind schlimmsten Lebens- und Arbeitsverhältnissen
ausgesetzt, zudem werden sie von Milizen bedroht.
Hinzu kommt, dass der Zugang zum Gelände des Stahlwerks selbst für staatliche
Stellen nur erschwert möglich ist: staatliche Kontrollen in Bezug auf
Arbeitsschutz und -rechte, sowie Überprüfung der Einhaltung von Umweltauflagen
werden so erschwert bis hin ganz verhindert.
Ansprechpartner:
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