V. National Kongress des MST
von
11-15. Juni 2007 in Brasilia; das diesjährige Motto lautet: "Reforma
Agrária: por justiça social e soberania popular." (Agrarreform: Für
soziale Gerechtigkeit und
Selbstbestimmung des Volkes).
14. & 15.06.07
Der Donnerstag war
sicher einer der politischen Hoehepunkte der
Kongresses. Eingeladen waren Politiker aus den brasilianischen
Bundesstaaten. Es kam der Gouverneur von Maranhao, sowie eine grosse
Zahl
von Senatoren, Abgeordneten der Bundes- und Landesparlamente, die ihre
Unterstuetzung im Kampf fuer die Agrarreform erklaert haben. Gedankt hat
ihnen Joao Pedro Stedile nicht. Er hat sie beglueckwuenscht, dass sie
schon Jahre in den verschiedensten Zusammenhaengen zusammen mit dem MST
und anderen Organsationen und besonders in den Stunden der Konfrontation
bei den Landbesetzungen niemals ihre Unterstuetzung entzogen haben.
Am Nachmittag zog der gesamte Kongress in die Stadt, zum Platz der drei
Maechte (Legislative, Judikative und Exekutive). 20000 Landlose auf den
Strassen Brasilias im Zentrum der Macht, friedlich und entschlossen.
Lula,
du hast die Agrarreform versprochen, wir haben dich zum Praesidenten
gemacht. Jetzt setze sie auch um, war einer der am haeufigsten gerufenen
Schlachtrufe der Demonstration.
Am Abend gab es ein grosses Fest, das Fest de Ernte mit vielen Produkten
aus den Lagern und Siedlungen, mit Musik, Gedichten und Tanz. Kaempfen
und
feiern gehoert zusammen und gibt Kraft fuer den langen Weg hin zu einer
neuen Gesellschaft.
Hete morgen haben die Frauen der Bewegung ihre Kraft gezeigt. Jetzt wird
noch Marcello Barros sprechen, Benediktinermoench und
Befreiungstheologe.
Ein guter offener Schluss, eines Kongresses, der wirken wird und der
allen
Beteiligten viel Arbeit mitgibt.
Herzliche Gruesse aus Brasilia
Thomas Schmidt
13.06.07
Der dritte Tag des Kongresses steht unter dem Zeichen der Analyse der
Akteure auf dem Land. Wer sind die Gegner einer Landreform, die den
Interessen der Bevoelkerung Rechnung traegt? Frueher waren es die
klassischen Grossgrundbesitzer, heute ist es das internationale
Agrobusiness, das mit Macht in Brasilien investiert, Land kauft und
Zuckerrohrfabriken zur Produktion von Agrotreibstoffen aufkauft. Die
Auseinanderstzung mit dieser Entwicklung wird im Mittelpunkt der
naechsten
Jahre stehen.
Hier sind wir in Europa durchaus anschlussfaehig. Einerseits wird ja
auch
bei uns die Frage sein, woher die Energie fuer unsere Autos kommt und da
wird Brasilien eine Rolle spielen. Das Recht auf Ernaehrung der
Bevoelkerung darf dabei auf keinen Fall unter die Raeder kommen. Und die
Auseinandersetzung mit den grossen Unternehmen des Agrobusiness und der
Gentechnik ist sicher auch in Europa zu fuehren.
In einer Sonderveranstaltung mit etwa 150 Aktivisten des MST konnten wir
unsere Arbeit in Europa und in den USA als Freunde des MST vorstellen.
Dank fuer unser Engagement und viel Interesse war uns gewiss.
Wi haben die Zeit genutzt, um das europaeische Treffen in Oslo vom 11.
bis
zum 14. Oktober zu besprechen. Schoen zu sehen, wie unser
Solidaritaetsnetz in Europa waechst und wie jetzt junge Leute in
Norwegen
Verantwortung uebernehmen.
Neben den offiziellen Debatten gibt es natuerlich unendlich viele
(Wieder)treffen mit Leuten des MST, die uns schon in Deutschland
besuchte
haben. Diese zeigen uns die moegliche Freundschaft ueber den Ozean
hinaus
und machen mir Hoffnung, dass wir weiter gemeinsam fuer soziale
Gerechtigkei t und die Selbstbestimmung der Voelker kaempfen koennen.
Herzliche Gruesse aus Brasilia
Thomas Schmidt
12.06.07
Der zweite Tag des Kongresses steht im Zeichen der nationalen und
internationalen Situation, in der der mst seine Politik macht. Der
belgische Soziologe und Priester Francoes Houtart nennt die zentrale
Herausforderung die Logik des Kapitalismus zu brechen. Das bestaetigt
Gilmar Mauro am Nachmittag und vermittelt die Einschaetzung des mst,
dass
innerhalb des kapitalistischen Systems eine Agrarreform im Sinne der
Kleinbauern und der Ernaehrungssicherheit nicht moeglich ist. Als Ziel
nennt Francois Houtart einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der sich
um
die Themen Gebrauchswert vor Tauschwert der Waren, um die oekologische
Nachhaltigkeit, um die politische demokratische Teilhabe und um die
Interkulturalitaet herum aufbauen muss.
Versorgt wird die internationale Delegation in den verschiedenen
Delegationen der Bundesstaaten, die eine unglaubliche logistische
Leistung
mit Unterkunft in Zelten und Versorgung aller Delegierten in
Gemeinschaftskuechen erbringen.
Am spaeten Nachmittag fand ein Gespraech der internationalen Delegation
mit dem mst statt, um offene Fragen zu besprechen. Im Zentrum stand das
Verhaeltnis zur Regierung Lula. Die Erwartungen sind gering und das
zweite
Mandat soll offenbaren, wie die Regierun mit dem Thema Agrarreform,
gerade
vor dem Hintergrund der Produktion von Agrotreibstoffen umgeht.
Der Tag klingt aus mit eine internationalen Show in der die Kraft, die
Bundtheit und die Chancen laut, bunt, und lebendig erfahrbar werden.
Globalisieren wir die Kaempfe, globalisieren wir die Hoffnung.
Herzliche Gruesse aus Brasilia
Thomas Schmidt
11.06.07:
Gestern Abend begann
mit etwa 20.000 Teilnehmern der 5. Kongress des MST
in Brasilia. Unsere internationale Delegation kommt aus 28 Ländern
(Karin
Urschel, Thomas Steihaeuser und ich aus Deutschland) und es wird wohl
auch
für uns ein großes internationales Fest der Solidarität werden.
Eröffnet wurde der Kongress von einem großen Theater, das die
Geschichte des MST und seiner Kongresses in lebendige Szenen umsetzte.
Grußworte kamen von der brasilianischen Bischofskonferenz, von den
Gewerkschaften, den Volksbewegungen und der Via Campesina, der
internationalen Bauernbewegung.
Marina dos Santos vom nationalen Vorstand des MST gab dann mit der
offiziellen Eröffnung das Motto bekannt: Agrarreform, für soziale
Gerechtigkeit und die Selbstbestimmung des Volkes.
Ich sitze hier in der Pressekabine und kann durch die Scheibe die Halle
sehen, die sich gerade füllt, für die Mistica am Morgen, mit der dieser
Tag eingeleitet wird. Wir werden als internationale Delegation beteiligt
sein. Dann geht es in die Themenarbeit. Heute wird es um die
internationalen
und nationalen Rahmenbedingungen gehen, die den Kampf um die Agrarreform
und soziale Gerechtigkeit bestimmen. Davon morgen mehr.
Herzliche Grüsse aus Brasilia
Thomas Schmidt