Den Fachleuten ist klar: Der Anbau von Soja führt in den kommenden Jahren zu einer Zunahme des "Agrobusiness"

Die Anpflanzung von Soja dürfte bis 2010 um 27 % zunehmen - eine Tatsache, die zu einem Anstieg der landwirtschaftlichen Industriebetriebe (agronegócio/agrobusiness) auf der gesamten Welt führt. Die erschreckende Schätzung wurde während einer Eröffnungsveranstaltung des „Fórum Social de Resistência ao Agronégocio“ bekannt gemacht, die derzeit in Buenos Aires (Argentinien) stattfindet. Dort debattieren Forscher zusammen mit Bauernorganisationen und Umweltschützern über das gegenwärtige Modell des agrobusiness. Dieses Modell, beherrscht von multinationalen Konzernen im Bereich Landwirtschaft und Nahrungsmittel, zerstört immer mehr die Umwelt und verarmt große Teile der Bevölkerung Lateinamerikas zugunsten der Gewinne dieser Unternehmen.

Die Forscher weisen darauf hin, dass die industrielle Landwirtschaft einem eigentümlichen Profil folgt. Basierend auf Monokulturen, die für den Export bestimmt sind, verfügt das System über riesige Flächen an Ländereien, die mit modernster Technik, chemischem Dünger, Pestiziden und genmanipulierten Samen bewirtschaftet werden – Mechanismen, die sich unter der Kontrolle weniger weltweit operierender Unternehmen befinden.
Innerhalb dieses Zusammenhanges hat Soja die wichtigste Funktion inne. „Von den 27 % der Steigerung, die der Sojaanbau bis 2010 erreicht, werden 14 % als Tiernahrung benutzt, haupt- sächlich für Geflügel sowie 13 % zur Gewinnung von Bio-Energie“, so jedenfalls die Analyse Alberto Villa Reals, von der Organisation „Redes“ aus Uruguay. Schätzungen betonen, dass in den kommenden Jahren die Nachfrage an Nahrungsmitteln 140 % größer sein wird als bisher, was wiederum die Unternehmen dazu veranlasst, noch mehr Ländereien in Besitz zu nehmen und den Ertrag ihrer Anpflanzungen durch Genmanipulation zu steigern. In der Energiefrage warnt Alberto, dass der Bio-Diesel, angepriesen durch die Regierungen Brasiliens und Uruguays, als wirkliche Alternative gegenüber dem herkömmlichen Treibstoff letztendlich schädlich sein könne, wenn er nach dem Modell der extensiven Landwirtschaft produziert wird.

Es kommt nur zu einem Anstieg der Produktion, der keine Entwicklung mit sich bringt und darüber hinaus die Menschen und die Natur schädigt. Elizabeth Bravo von der „Acción Ecológica“ aus Ecuador bestätigt, dass Regionen wie das Cerrado, der Regenwald im Amazonasgebiet in Brasilien sowie auch die Feuchtgebiete Argentiniens von der Expansion der Sojamonokulturen auf dem Kontinent betroffen sein werden. „Die Auswirkung wird sein, dass in Brasilien die Anbaufläche 70 bis 100 Millionen Hektar erreichen wird, 30 bis 40 Millionen davon im Cerrado und 7 Millionen im Regenwald Amazoniens,“ so Elizabeth Bravo. Bei der Ernte 2004/05 bepflanzte man 36,5 Millionen Hektar in Lateinamerika, was in etwa 42 % der weltweiten Anbaufläche entspricht.

Zusammen mit der Abholzung geht ein immenser Verbrauch an Pestiziden einher. In Brasilien, das der größte Giftverbraucher unter den lateinamerikanischen Ländern und der drittgrößte weltweit ist, fließt die Hälfte des Nettoumsatzes aus den Verkäufen dieser Pestizide (welcher sich in etwa auf 4,5 Milliarden Dollar beläuft) zurück zu den Soja-produkten. Der größte Teil des Gewinnes verbleibt in den Händen von Bayer, Syngenta und BASF, welche die Firmen sind, die am meisten am Pestizidhandel verdienen. Diese Konzentration auf wenige Firmen wiederholt sich bei der Genehmigung der Saatgüter– 91 % des weltweit angebauten Sojasamens ist Eigentum von Monsanto – und setzt sich bei der Vermarktung und der Verarbeitung der Produktionskette, welche durch Cargill kontrolliert wird, fort.

Infolge der Charakteristiken der Globalisierung sind die Konsequenzen der agronegócio letztlich in den verschiedenen Ländern die gleichen: Anhäufung von Ländereien und Reich-tum weniger, wirtschaftliche Abhängigkeit vieler sowie die Verletzung der Menschenrechte. „Diese Faktoren gehören zu der so genannten Wissensgesellschaft, die immer mehr die natürlichen Ressourcen zerstört und die Länder abhängig macht“, wie der Agraringenieur Adolfo Boy bestätigt. Eine Erkenntnis, die verschiedene Personen nicht teilen wollen und dennoch bekämpfen. „ Wenn wir mit dem Kapitalismus konkurrieren wollen, werden wir, wie andere Versuche, dem Scheitern entgegengehen. Wir müssen mit der Teilname sozialer Bewegungen und der gesamten Bevölkerung ein neues System erschaffen“, verteidigt sich Andres Dimitriu von der argentinischen Organisation „Patagonias Contra La Mineria“.
Etwa 200 Personen nehmen an dem „Fórum Social de Resistência ao Agronegócio“ teil, die diesen Freitag in Buenos Aires beginnt und noch bis Sonntag gehen wird. Die Teilnehmer aus Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Chile, Bolivien und Ecuador diskutieren Alternativen  zum Model landwirtschaftlicher Industriebetriebe.

agronegócio:
Der Begriff „agronegócio/agrobusiness“ wird in verschiedenen Kontexten verwendet. Es ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus 'agriculture' und 'business', zur Bezeichnung der Landwirtschaft in den USA oder Brasilien, die heute von riesigen Firmen in großem Maßstab mit industriellen Methoden betrieben wird. Die Konzerne der Agrarwirtschaft betreiben Megafarmen und kontrollieren den Produktionsprozess bis zur Nahrungsmittelherstellung und Vermarktung. Der Kleinbauer der Pionierzeit, der gerade genug anbaute, um sich und seine Familie zu ernähren, ist nahezu völlig verschwunden.Allgemein beschreibt er ein kapitalistisches Landwirtschaftsmodell  im sehr großen Stil welche nicht das Prinzip der Nachhaltigkeit berücksichtigt. In Brasilien umfasst dieser begriff auch Aspekte wie Bodenspekulantionen, vollmechanisierte landwirtschaftliche Industriebetriebe,  Großgrundbesitz oder Monokulturen und wird  auch für den extensiven Holzabbau im Amazonasgebiet verwendet